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Forstwissenschaftler Stölb: „Im Wald zählt der Mensch“

Interessante Waldführung auf Einladung der Bürgerinitiative Waldpark Skiwiese

Begrüßung der Teilnehmer 06.07.2014 – Es war eine ungewöhnliche Waldführung mit einem ungewöhnlichen Führer. Der Forstwissenschaftler Wilhelm Stölb eröffnete den Teilnehmern einen ganz neuen Blick auf den Wald. Üblicherweise stehen Ökonomie und Ökologie im Vordergrund. Doch bei Stölb zählt der Mensch. Der Waldbesucher geht in den Wald weil er sich dort wohl fühlt und sich erholen will. Er geht nicht in den Wald, um sich am ökonomischen Wert zu ergötzen. Der Wert des Waldes bestehe für den Menschen in seiner ästhetische Ausstrahlung. In einer Gesundheitsstadt wie Bad Nauheim sei dieser Wert nicht hoch genug anzusetzen. Dagegen sehe die heutige Forstwirtschaft in Wald, Tier und Mensch lediglich Ressourcen, die zu verwalten seien.

Stölb kennt Deutschlands Wälder. Um so überraschter und erfreuter waren die Teilnehmer, gleich zu Beginn die folgenden Sätze zu hören: „Sie haben in Bad Nauheim einen ganz besonderen Wald. Schätzen sie ihn und schützen sie ihn.“
Forstwissenschaftler Wilhelm Stölb bei der Exkursion zum Thema Waldästhetik Erst danach stellte Stölb sich selbst kurz vor. Er lebt in Landshut und kam auf Einladung der Bürgerinitiative Waldpark Skiwiese nach Bad Nauheim. Nach dem Studium der Forstwirtschaft war er Förster in verschiedenen Revieren, dann war er in der Weiterbildung tätig und stieg bis zum Forstdirektor auf. Mit der so genannten Forstreform etwa ab dem Jahr 2000 veränderte sich in den Bundesländern die Waldbewirtschaftung. Effizienz und Effektivität wurden auch im Wald entscheidend, Waldarbeiter wurden durch Großmaschinen ersetzt, die Bäume werden immer früher geschlagen. Stölb verzichtete daraufhin auf Beamtenstatus und Pension und machte sich als Buchautor und Sachverständiger selbstständig. Sein Hauptthema ist die Waldästhetik.

Exkursion Waldästhetik vs. Forstwirtschaft (1) Exkursion Waldästhetik vs. Forstwirtschaft (2)

Exkursion Waldästhetik vs. Forstwirtschaft (4) Im Laufe des zweistündigen Rundgangs durch den Waldpark wurde deutlich, dass nur der Holzwert eines Waldes bezifferbar ist, jedoch nicht der ideelle Wert. Ein stadtnaher Wald bietet eine Entspannungsmöglichkeit, die jedem Menschen an jedem Tag zur Verfügung steht, auf Wunsch. Nicht jeder kann oder will auf die Malediven. Ein Aufenthalt im Wald wirkt auf den Menschen. So berichtete ein Reha-Patient der Kaiserbergklinik davon, dass die Ruhe und Schönheit des Waldparks seine Tinnituserkrankung fast zum Verschwinden brachten. Auch habe sich ein lange nicht mehr gekanntes seelisches Gleichgewicht durch seine Aufenthalte im Wald eingestellt. Er bedauerte, dass es in seiner Heimatstadt keinen so schönen Wald gibt.

Mit Fragen nach dem Empfinden beim Anblick verschieden gestalteter Areale des Waldparks regte Stölb die Teilnehmer zum Nachdenken an. Sie zeigten sich beeindruckt von riesigen, alten Fichten, Douglasien und Eschen, die gerade in den Himmel wachsen. Sie freuten sich über die über hundert Jahre alten Linden und Eichen, die entlang der Wege oder an Wegkreuzungen die Wanderer begleiten. Immer wieder kam es zu interessanten Gesprächen, an denen sich viele der etwa 40 Teilnehmer beteiligten.

Exkursion Waldästhetik vs. Forstwirtschaft (3) An konkreten Beispielen zeigte Stölb Zusammenhänge auf. So ging es darum, dass die Eiche als Lichtbaumart Freiflächen braucht, damit sich aus Eicheln Jungbäume entwickeln können. Dagegen sind Tanne, Fichte und Buche Schattbaumarten, sie keimen und wachsen auch in einem kleinen Lichtschacht zwischen anderen Bäumen. Als die Gruppe einen Spazierweg mit zahlreichen Brombeerranken passierte, erläuterte Stölb, dass heute generell das Wachstum von Brennnesseln und Brombeeren im Wald zugenommen hat, eine Folge des Stickstoffeintrages. Wenn an den Wegrändern zudem Bäume fehlen, dann entstehen hohe Unterhaltskosten für die Beseitigung von Brombeeren und Brennnesseln. In einem dichten Brombeerbestand haben zudem Jungbäume nur schlechte Entwicklungschancen. Auch ging es darum, welche Bäume tatsächlich in unserer Gegend beheimatet sind. Hierzu zeigten sich die Teilnehmer sehr gut informiert. Fichte, Lärche und Bergahorn stammen eigentlich aus Bergwäldern. Die Douglasie, die von Laien oft mit der Fichte verwechselt wird, kommt aus Nordamerika. Auch Esskastanie und Rosskastanie sind nicht heimisch, sondern sie sind aus südlichen Ländern zu uns gekommen. Doch alle diese Arten stellen eine Bereicherung dar und tragen zur Vielgestaltigkeit und damit zur Schönheit bei. Diese gilt es dauerhaft zu schützen und zu entwickeln.

Abschluss der Exkursion an der Wilbrandt-Hütte Dr. Martin Düvel, Fraktionsvorsitzender der Grünen und Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses, erläuterte die finanzielle Herausforderung bei der Pflege und dem Erhalt des historischen Waldparks. Viel Lob fand Stölb für die Art und Weise, wie das bisher im städtischen Teil des Bad Nauheimer Waldparks gelungen ist. Er sah einen deutlichen Unterschied gegenüber dem in Landesbesitz befindlichen Teil. Es lohnt sich, so Stölb abschließend, sich für diesen ganz besonderen Waldpark einzusetzen.
Die von der Bürgerinitiative Waldpark Skiwiese organisierte Veranstaltung war bereichernd, was sich auch daran zeigte, dass alle Teilnehmer volle zwei Stunden konzentriert dabei waren. Bei einem anschließenden Imbiss in der Wilbrandt-Hütte wurde noch ausgiebig diskutiert und neu gewonnene Eindrücke miteinander ausgetauscht.